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Eltern mit Wirkung von Anfang an
03.04.2011 Startseite, Inklusive Bildung

Inklusion: Am Leben teilhaben. Podiumsdiskussion des KED-Bundeskongresses 01. – 03. April 2011 in Freising

Benjamin Dannecker ist 28 und sitzt im Rollstuhl. Der Münchener hätte liebend gern seinen Schulabschluss auf der Realschule gemacht, man hat ihn aber nicht gelassen. Dannecker musste eine Förderschule besuchen. Bei der Podiumsdiskussion während des KED-Bundeskongresses zum Thema "Inklusion" hat er sich als direkt Betroffener eingebracht. Er hat für die Ausgrenzung Behinderter kein Verständnis und meint: "Ich kenne keinen Menschen, der nicht irgend ´ne Macke hat.


Bericht von Frank Spiegel (Vorstand KED Paderborn)1

Ebenfalls im Podium vertreten waren Wolfgang Faber, Leiter einer Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche beim Caritasverband Soest, Judith Helfmann-Hundack, Mutter eines behinderten Kindes und im Vorstand der KiTa-Kreiselternschaft Rendsburg-Eckernförde in Schleswig Holstein aktiv, Monika Korthaus-Lindner, Lehrerin an der St.-Ursula-Grundschule in Lüneburg, Dr. Andreas Reimann, betroffener Vater und Initiator des Vereins Netzwerk Inklusive Schule Köln, sowie Alfred Storck, Leiter der St.-Elisabeth-Förderschule in Steinfurt bei Münster.

Moderiert hat die Diskussion Marie-Theres Kastner, Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands.
„Ich habe das Gefühl, dass man als Eltern behinderter Kinder vor die Wahl gestellt wird: Friss oder stirb“, berichtete Judith Helfmann-Hundack von ihren Erfahrungen. „Dass sie schwerhörig ist, heißt noch lange nicht, dass sie blöd ist“, sagte die Mutter und verwies darauf, dass es gerade einmal zehn Gymnasien in Deutschland gebe, die auf diese Behinderung eingestellt seien. Sie rät dringend, Behinderung nicht mit einem Mangel an Intelligenz gleichzusetzen.

"Wir verwenden oft den Begriff Inklusion, meinen aber in Wirklichkeit Integration“, erklärte Dr. Andreas Reimann. „Die beste Bildung heißt nicht zwingend, Abitur zu machen, sondern am Leben teilhaben zu können und dafür die bildungsgemäßen Voraussetzungen zu haben“, verdeutlichte er seinen Standpunkt. Im Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten sieht er ein befruchtendes Element: „Wer den ganzen Tag mit Gleichartigen zusammen ist, dem fehlt eine gewisse Anregung.“ Das gelte in jede Richtung. Dr. Andreas Reimann sieht hier vor allen Dingen die Kirchen mit ihren Schulen in der Pflicht: „Sie müssen vorangehen und die Schulen auch konzeptionell umbauen.“ Als eine Bereicherung für die katholische Grundschule, an der sie unterrichtet, hat Monika Korthaus-Lindner einen körperbehinderten Schüler empfunden, der von einem Zivildienstleistenden begleitet wird. „Das hat unserer Schule gut getan“, ist sie überzeugt. Der Junge lerne gerne, gehe auf die anderen Kinder zu und verabrede sich in seiner Freizeit mit ihnen.

Alfred Storck sprach sich dafür aus, Konzepte aus Sonderschulen auch in Regelschulen zu übertragen. Er warnte allerdings vor blindem Aktionismus

„Wir haben auch etwas zu verlieren: Fördermöglichkeiten, die jetzt noch existieren, gibt es nicht in Regelschulen.“ Auch er hält Begegnungen von Behinderten mit NichtBehinderten für wichtig. Der Sonderschullehrer hat aber festgestellt: „Wenn wir als Schule so etwas wollen, müssen wir auf die Regelschulen zugehen. Anders herum geschieht das so gut wie nie.“ Dass ein mit der Inklusion verbundenes Elternwahlrecht auch gleichwertige Schul-Alternativen voraussetze, erklärte Wolfgang Faber. Das sehr ausdifferenzierte System mache die Umsetzung schwierig. Eltern werden mit den Problemen seiner Meinung nach zu sehr allein gelassen. Mit Blick auf Veränderungen in den Schulen selbst fordert er kleinere Klassen und möglichst viele Lehrer mit sonderpädagogischen Kompetenzen. Förderzentren sollen seiner Ansicht nach die Regelschulen unterstützen.

„Ist das Kind für die Schule da oder die Schule für das Kind?“ – das ist für Dr. Andreas Reimann eine zentrale Frage. Es sei nicht damit getan, behinderte Kinder in eine Klasse Nicht-Behinderter zu setzen. Er spricht sich dafür aus, dass ein Förder- und ein Regelpädagoge gemeinsam eine Klasse unterrichten. Es müsse Veränderungen in Strukturen, Kulturen und Prozessen geben. Da sei es auch nicht ungewöhnlich, wenn zum Beispiel alle Kinder die Gebärdensprache lernten.

Judith Helfmann-Hundack legt Wert darauf, dass es nicht nur in den Schulen Veränderungen geben müsse. Auch Eltern seien aufgerufen sich zu informieren: „Manchmal brauchen auch die Eltern einen Tritt, damit sie das, was sich ihren Kindern bietet, auch nutzen.“ Musikalisch umrahmt hat die Veranstaltung die „Rolli-Gang“ aus München, in der auch Benjamin Dannecker mitsingt. „Du hast Bedeutung für die Menschheit, fang an Dein Bestes zu geben – dann fühlst Du Freude am Leben“ – mit Texten wie diesen leistete die Band ihrerseits einen Beitrag zum Thema.

1 Dieser Beitrag ist erschienen im ELTERNforum, Ausgabe 2-2011, Verbandszeitschrift der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED).


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