Die Gesellschaft tut sich schwer, eine Tatsache anzuerkennen: Viele Kinder und Jugendliche leiden unter dem schmerzlichen Gefühl von Einsamkeit. Familien, Schulen und andere Wegbegleiter der Heranwachsenden haben die Verantwortung, dem entgegenzuwirken. Die Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) lotete Präventions- und Interventionschancen bei einer bundesweiten Fachveranstaltung im März 2026 aus.
Der Fokus der Beratungen im Roncalli-Haus Magdeburg lag dabei nicht auf wohlfeilen Forderungen an die Politik nach immer mehr Mitteln für die Schulen, wie einleitend der Schulminister des Landes Sachsen-Anhalt, Jan Riedel, würdigte. Vielmehr galt es, die eigenen Möglichkeiten zu erörtern, als Elternverband und Elternvertretungen in Partnerschaft mit Schulen und Schulträgern Weichen richtig zu stellen. Es gehe nicht um eine weitere Aufstockung der Ausstattung, sondern um die Frage, wie an den Schulen gearbeitet werde, setzte der Vorstandsvorsitzende der Edith-Stein-Schulstiftung des Bistums Magdeburg, Steffen Lipowski, den Ton für die Tagung.
Die Tragweite des Themas lässt sich kaum überschätzen, wie Prof.in Dr. Susanne Bücker von der Universität Witten/Herdecke verdeutlichte. Einsamkeit im Kindes- und Jugendalter darf sich nicht verfestigen, denn ansonsten führt sie in eine Abwärtsspirale, durch die sich die Lebens- und Berufslaufbahn eines Menschen nachteilhaft entwickelt, ja psychische und körperliche Beeinträchtigungen zu einer verkürzten Lebenserwartung führen. Somit ist die Gesellschaft gut beraten, Einsamkeit wahr- und ernst zu nehmen. Leider ist das Thema schambesetzt. Die KED fühlt sich aufgerufen, mitzuhelfen, die Einsamkeit aus dem Dunkelfeld von Tabu und Stigma herauszuholen.
Was es zuallererst braucht, ist ein achtsames und aufmerksames Umfeld. Denn Einsamkeit ist zunächst einmal leise und unspektakulär. Kinder und Jugendliche verbalisieren selten, dass sie sich einsam fühlen, berichtete die Magdeburger Kinder- und Jugendpsychologin Anne Brünen. Viele Heranwachsende erfahren nicht die Aufmerksamkeit, Zuwendung und Beziehung, die sie benötigen, weder in den Familien noch in den Schulen, auch nicht unter Gleichaltrigen, bestätigte Anne Brünen die Analyse von Susanne Bücker. Es gelte, Kinder und Jugendliche stark zu machen, ihre Selbstwirksamkeit zu fördern, Räume zu erschließen, in denen sie so sein könnten, wie sie sind.
Wie das im Raum der Schule möglich sein kann, umriss Schulleiterin Katrin Wenzlaff. Ihre Sankt-Mauritius-Sekundarschule in Halle (Saale) arbeitet nach dem ganzheitlichen Konzept "Marchtaler Plan". Es fördert die Herausbildung und Festigung von Gemeinschaft, ritualisiert offenen Austausch im Tages- und Wochenablauf, setzt auf selbstständiges und kooperatives Lernen und Arbeiten. Das ganze multiprofessionelle Team inklusive nicht pädagogischer Mitarbeitenden ist einbezogen. "Beziehung und Begleitung sind nicht Zufall, sondern Aufgabe", markierte Katrin Wenzlaff die Herausforderung. Kinder und Jugendliche brauchen nicht nur Anschluss, sondern auch eine Bedeutung, die sie spüren.
Sich so einem Konzept zu öffnen, um der Einsamkeit von Schülerinnen und Schülern aktiv entgegenzutreten, erfordert viele Schritte der Information und Inspiration. Die KED sieht ihre Aufgabe nach der Beratung in Magdeburg darin, mit Handreichungen, Best-practice-Beispielen, Publikation und Online-Veranstaltungen Impulse für solche Entwicklungsprozesse zu geben. Dazu gehören auch Suchbewegungen, Wahrnehmungen zu interpretieren, wie zum Beispiel das Tragen von großen Kopfhörern, das der Magdeburger Lehrer Winfried Ernst auf dem Schulgelände beobachtet, oder Brückenschläge zu anderen Generationen zu unternehmen, wie Christoph Rink von der KED im Bistum Magdeburg.
Sehr zielführende praktische Tipps gaben abschließend auch Pfarrerin Ute Mertens und Sylvia Ernst von der Ökumenischen Telefonseelsorge Magdeburg und nördliches Sachsen-Anhalt. Sie bestätigten viele Wahrnehmungen, die bei der Tagung zu Wort kamen, aus ihrer Erfahrung im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen an Telefon, Mail und Chat. Unter anderem empfahlen sie Hilfsmittel aus dem digitalen Raum wie Apps, die bei akuten Krisen unterstützen oder auch bei jugendspezifischen Themen wie Cybermobbing. Vor allem aber stärkten Ute Mertens und Sylvia Ernst den Gedanken der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit: "Ein einziges echtes Gespräch kann das Gefühl von Einsamkeit beseitigen."
Die Katholische Elternschaft Deutschlands greift die Impulse der Magdeburger Fachveranstaltung im Geflecht ihrer Netzwerke auf Bundes-, Landes- und Bistumsebene auf. Das kündigte Bundesvorsitzende Anne Embser an. Nicht zuletzt gehört das Thema Einsamkeit auf die Tagesordnung, weil es darum geht, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren, auch an Schulen und in den Familien. Insofern gehöre die Auseinandersetzung mit den Präventions- und Interventionschancen im Umgang mit Einsamkeit zu dem aktuellen Schwerpunkt der KED: einen Beitrag zur Stärkung der Demokratie zu leisten. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass die Bedeutung und Tragweite dieser Herausforderung stetig wächst.
Thomas Hohenschue
Vorträge zum Download
Impulsvortrag von Prof. Dr. Susanne Bücker
Impulsvortrag von Katrin Wenzlaff
Vortrag von Ute Mertens und Sylvia Ernst






