Neue Schulumfrage der Katholischen Elternschaft Deutschlands: Corona verändert alle und alles!

Bonn (ked). Die Corona-Pandemie verändert das System Schule dramatisch. Die Krise legt schonungslos die Schwächen des deutschen Bildungssystems offen und verändert zugleich die sozialen Beziehungen im Dreieck zwischen Schülern, Eltern und Lehrer. Das ist ein Ergebnis der zweiten großen Studie der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED). Die KED hat dazu eine Befragung zum Thema „Lernen zu Hause im zweiten Lockdown“ an den katholischen Schulen in Deutschland durchgeführt. Dabei wurden wie bei der ersten Befragung im Frühjahr 2020 erneut rund 10.000 Eltern, Schüler und Lehrer befragt.
Die KED hat über die Online-Umfrage hinaus Tagungen und Gespräche durchgeführt, bei denen Kinderpsychiater, Kinderpsychologen, Schulseelsorger sowie Verantwortliche an öffentlichen Schulen und Einrichtungen nach ihren Erfahrungen im Klinik- bzw. Schulalltag befragt wurden.
 
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:
 
Familien unter Dauerstress
Das belastet das Zusammenleben in den Familien erheblich: Eltern ganz oder teilweise im Homeoffice, in Kurzarbeit oder mit Existenzsorgen, Schüler im Homeschooling, beengte Wohnverhältnisse.
Im zweiten Lockdown waren, die Aufgaben zum Teil schwieriger, weil allein aufgrund der Dauer der Schulschließungen nicht nur bereits erarbeiteter Stoff wiederholt, sondern zunehmend neuer Stoff eigenständig erarbeitet werden musste.
Die Kinder hatten vermehrt Fragen, und sie wandten sich an erster Stelle an ihre Eltern und ihre Mitschüler und dann an die Lehrer.
Dadurch sahen sich viele Eltern vor eine neue Situation gestellt. Einerseits mussten sie ihre eigene Lebenssituation oder ihre Aufgaben im Homeoffice bewältigen, andererseits wollten sie natürlich soweit wie möglich ihre Kinder unterstützen. Sie wurden in die Rolle gedrängt, Lehreraufgaben zu übernehmen. Das galt für Eltern, die in der Lage waren, sich in die Lernstoffe einzuarbeiten und dann die Fragen ihrer Kinder zu beantworten. Schwieriger war es für die Eltern, die diese Aufgabe nicht übernehmen konnten. Das blieb nicht ohne Veränderungen in den Familien. So zeigen die Antworten sowohl der Eltern als auch der Schüler, dass es gerade um die schulischen Aktivitäten immer wieder Streit gab.
 
Kindeswohl in Gefahr
Die KED-Studie und die dazu veranstalteten Expertenrunden zeigen deutlich:
Schulen und Kindertageseinrichtungen sind nicht nur Bildungseinrichtungen, sondern auch Sozialräume.
Der zweite Lockdown hat erheblich mehr Folgen als der erste Lockdown:
 
Es gilt vor allem, den Kindern und Jugendlichen einen Alltag ohne Angst und Sorge zurückzugeben und neues Vertrauen in die Zukunft zu schaffen.

Die seelischen und sozialen Schäden nehmen - je länger die Schulen und auch Kindertageseinrichtungen geschlossen bleiben - ungeahnte Ausmaße an.

  • Kinder werden von Ängsten gequält.
    • Sie haben Angst um ihre Zukunfts- und Lebenschancen.
    • Sie haben Angst, Nähe zuzulassen und damit sich und auch andere mit Corona anzustecken.
    • Sie erleben die Angst ihrer Eltern um ihren Arbeitsplatz, ihr Unternehmen. Diese Angst äußert sich bei den Kindern unterschiedlich: z.B. in Aggressivität, Stummheit, körperlichen Beschwerden.
  • Kinder fühlen sich isoliert auf Grund der fehlenden sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen, zu Erziehern und Lehrern, zu ihren Großfamilien und Nachbarn.
  • Die Lernsituation ist bei nicht wenigen Familien alles andere als ideal. Die Wohnraumsituation – gerade in städtischen Ballungsgebieten – führt des Öfteren zu Konflikten durch mangelnde Möglichkeiten der Entzerrung.
  • Die Eltern geraten an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit im Spagat zwischen Homeschooling und Homeoffice. Dadurch entstehen nicht selten Familienkonflikte bis hin zur häuslichen Gewalt.
  • Die Auffälligkeiten der Kinder nehmen inzwischen Krankheitswert an. Die Kinder- und Jugendpsychologen sind auf Monate ausgebucht.

 
 
Die durch die Pandemie bedingte Lernsituation kann sich zu einem sozialen Sprengstoff entwickeln, wenn nicht möglichst zügig gegengesteuert wird.
Für den schulischen Alltag kann festgehalten werden:

  • Die technischen Voraussetzungen für den Distanzunterricht sind deutlich verbessert worden.
  • Der Unterricht auf Distanz gelingt wesentlich besser als im ersten Lockdown.
  • Durch die Einführung von Stundenplänen im Distanzunterricht gelingt es, für die Schüler an diesen Schulen wieder eine Tagesstruktur aufzubauen und somit mehr Zeit zum Lernen zu haben.
  • Wenn es technische Probleme gibt, dann liegen diese in den meisten Fällen an einer noch immer nicht vorhandenen Infrastruktur sowohl für die Schulen als auch für die Privathaushalte.
  • Nach wie vor hängt der Distanzunterricht sehr vom Einzelengagement der Lehrpersonen ab. Die Schulen müssen mangels ausgearbeiteter Didaktiken weiterhin sehr stark improvisieren.
  • Die in der Umfrage geäußerten Sorgen und Ängste in Bezug auf die Chancen und das Aufholen der Defizite sind ein starkes Indiz dafür, dass weiterhin etwa
  • ein Drittel aller Jungen und Mädchen schulisch abgehängt ist.

 
Beim Distanzunterricht hat sich technisch und didaktisch die Situation trotz einiger noch verbliebener Mängel spürbar verbessert. Dagegen hat sich das seelische Befinden vieler Kinder merklich verschlechtert.


Die KED fordert als Elternverband:
 
Bei der Abwägung aller Risiken ist den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ein ebenso hoher Stellenwert einzuräumen wie anderen Bereichen (Gesundheitssystem, Wirtschaft).
Kinder haben ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit und auf Bildung. Die Schließungen von Kindertageseinrichtungen und Schulen haben erhebliche Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Es kommt zu gesundheitlichen, psychischen sowie Lern- und Bildungsdefiziten.
Ein besonderes Augenmerk muss dabei den Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern gelten.
 
Das Kindeswohl und die Bildungsgerechtigkeit müssen als oberste Ziele wieder in den Mittelpunkt des politischen Handelns gerückt werden.
 
Stärkere Berücksichtigung des Kindeswohls

  • Schließungen von Kindertageseinrichtungen und Schulen nur im äußersten Notfall. Es kann nicht sein, dass die Schulen und Kindertageseinrichtungen mal geöffnet und mal geschlossen sind. Das ist ein unzumutbarer Zustand für Eltern, Kinder, Lehrer und Erzieher.
  • Die ausschließliche Orientierung an Inzidenzwerten muss ersetzt (oder ergänzt) werden durch weitere Faktoren, die eine differenzierte Auswertung der Pandemielage ermöglichen. Mittlerweile gibt es namhafte Wissenschaftler, die dazu aufrufen, hier differenzierter vorzugehen, wie beispielsweise sich an den Fallzahlen der Krankenhausaufnahmen zu orientieren.
  • Es gilt, regionale Besonderheiten der Pandemielage zu berücksichtigen.
  • Die Maßnahmen zu gesundheitlicher Sicherheit müssen selbstverständlich beibehalten werden. Dazu gehören u.a. die Einhaltung der AHA-Regeln, das Impfen des pädagogischen Personals, das kontinuierliche Testen, eine Schulwegentzerrung, Einrichtung kleinerer Lerngruppen.
  • Schulpsychologische Dienste, Schulsozialarbeit und Schulseelsorge sollten ausgebaut werden. Ansprech¬partner an den Schulen könnten allen Beteiligten helfen, wenn sie ihre Ängste und Nöte äußern.
  • Vernetzungen mit den Angeboten der Jugendhilfe müssten geschaffen werden.
  • Investitionen in die Technik des Gesundheitsschutzes dürfen nicht mehr verzögert werden.

 
Einsatz für mehr Bildungsgerechtigkeit
Für die KED als katholischer Elternverband wiegt die Erkenntnis schwer, dass etwa ein Drittel der Schüler mit dem Lernen auf Distanz nicht zurechtgekommen ist. Das gilt ganz besonders, wenn man berücksichtigt, dass sich an der Umfrage vor allem die Online-Affinen beteiligt haben. Seit vielen Jahren versuchen alle im Bildungsbereich Tätigen ihr Möglichstes, um mehr Bildungsgerechtigkeit herbeizuführen. Die Coronakrise hat uns leider von diesem Ziel wieder entfernt.
Deshalb:

  • Alle Schüler müssen mit den notwendigen technischen Hilfs¬mitteln für den digitalen Unterricht ausgestattet werden. Hier darf es weder von der Finanzkraft der Elternhäuser noch der Finanzkraft einzelner Kommunen abhängen, ob und welche Geräte angeschafft werden.
  • Passgenaue Angebote für Kinder, Jugendliche und ihre Familien müssen geschaffen werden, und diese dürfen nicht an der Bürokratie oder an der Finanznot der Kommunen scheitern.
  • Es müssen Programme für Schüler zur Aufarbeitung des Lernstoffes finanziert werden. Hier sei z.B. auf die Einrichtung von Räumlichkeiten zum ungestörten Ler¬nen ebenso hingewiesen wie auf eine Veränderung in der Übermittagsbetreuung durch mehr Unterstützung beim Lernen.
  • Es sollte für die einzelnen Schulen zumindest vorübergehend mehr Flexibilität ermöglicht werden, d.h. mehr Spielräume bei Lehrplan und Stundenverteilung.
  • Es muss Sonderregelungen bei Leistungsüberprüfungen geben und das nicht nur für das Schuljahr 2020/2021, da die Folgen länger anhalten werden.
  • Flexibilität gilt es auch zu erreichen bei Anträgen auf Wiederholung eines Schuljahres.
  • Die Präsenzzeiten der Kinder sollten nicht nur für die Vermittlung von Lernstoff, sondern auch für die Gemeinschaftsbildung genutzt werden.

 

Sollten Sie Fragen zu dieser Umfrage haben oder an einem kostenlosen gedruckten Exemplar des zugehörigen Elternforum spezial interessiert sein, wenden Sie sich bitte per Email an info@katholische-elternschaft.de.

 

Foto: Pixabay-Anestiev
28.05.2021