Religion ist kein Problem

Die Bundesvorsitzende der KED, Marie-Theres Kastner, und Dr. Katharina Neef von der Universität Chemnitz.

Das Herbstseminar der Katholischen Elternschaft Deutschlands befasste sich mit der Rolle von Christentum und Islam im Schulalltag
Köln. (ked) „Religion wird instrumentalisiert, wenn andere Probleme im Schulalltag ins Spiel kommen“, faßt ein Teilnehmer die Vorträge zusammen. Beim Herbstseminar der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED) am 17. und 18. November in Köln stellten vier Referenten unter dem Seminar-Titel „Suche Frieden“ dar, wie sich Christentum und Islam in Schule und Gesellschaft begegnen. Dr. Katharina Neef vom Zentrum für Lehrerbildung der Universität Chemnitz verglich in ihrem Vortrag das Zusammenleben von Christen und Muslimen in der Levante im 11. Jahrhundert in Folge der Kreuzzüge mit dem Leben von muslimischen türkischen Arbeitsmigranten in der christlich geprägten deutschen Mehrheitsgesellschaft. Abgesehen von den kriegerischen Auseinandersetzungen hätten Muslime den christlichen Rittern durchaus Respekt entgegengebracht. Neef zitierte dazu aus den Aufzeichnungen von Usama Ibn Munqid, einem muslimischen Ritter. Religiöse Differenz sei schon damals im nahen Osten durchaus zugelassen. Schwierig werde es, wenn christliche Ritter sich nicht ehrenhaft verhalten hätten, wenn sie lügen oder feige sind. „Dann werden sie ausdrücklich als ‚Christ’ bezeichnet und das ist dann auch ein negativer Marker“, so Neef. Mit Blick auf die türkischen Arbeitsmigranten betonte Neef, dass der Religionszugehörigkeit heute ein höherer Stellenwert eingeräumt werde als in den vergangenen Jahrzehnten. Dies manifestiere sich in der Öffentlichkeit häufig in sogenannten Moscheebaukonflikten. Während früher einfache „Hinterhofmoscheen“ ausgereicht hätten, weil man nicht beabsichtigte lange zu bleiben, stiegen in den vergangen Jahren und Jahrzehnten mit dem Hierbleiben die Ansprüche an die eigene Religiosität. Bemerkenswert dabei sei, dass die älteren Generationen ihren Glauben stärker praktizieren, die Jüngeren sich aber selbst für religiöser halten als die Alten. Man könne dies mit einem gestiegenen Identitätsbewusstsein erklären, das mit dem sogenannten Kulturprotestantismus vergleichbar sei. Studien zeigten zudem, dass türkischstämmige Muslime in Deutschland weitaus liberalere Ansichten hätten als Muslime in der Türkei.
Einen Praxisbericht lieferten Rektor Georg Sistemich und Nadine Möllenberg von der Overbergschule in Münster. Die einzügige katholische Grundschule habe von November 2015 bis April 2016 viele Flüchtlingskinder aus nahegelegenen Flüchtlingsunterkünften aufnehmen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe rund ein Viertel der Kinder an der Schule einen Migrationshintergrund gehabt. „Das ist jetzt auf rund ein Drittel unserer Schüler angewachsen“, sagt Georg Sistemich. Um mit die Kinder unterrichten zu können, habe man rasch von vier Jahrgangsklassen auf sechs jahrgangsübergreifende Klassen umgestellt. „Wir haben jetzt drei Klassen mit den Klassen eins und zwei und drei Klassen mit den Klassen drei und vier“, sagt Sistemich und fügt hinzu „Eigentlich hat sich nicht viel bei uns getan“. Tatsächlich wurde die Umstellung von Kollegium und Eltern mitgetragen. Konflikte entstünden hier aus der Religionszugehörigkeit der Kinder nicht. „Das ist bei uns keine Baustelle“, sagte Sistemich. Auch Nadine Möllenberg, deren achtjährige Tochter die Schule besucht, betonte, dass Eltern vielmehr die Sorge um die bestmögliche Bildung für das eigene Kind umtreibe. Konflikte um den Islam habe es an der Münsteraner Schule bisher nicht gegeben.
Michael Lütkevedder, der Präses des Collegium Bernardinum in Attendorn, berichtete von den Herausforderungen durch die Aufnahme von 19 unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern an das Internat. „Die religiöse Dimension ist kein Problem. Religionsunterschiede werden von denen provoziert, die ganz andere Probleme machen, zum Beispiel von Gewalttätern“, sagt Lütkevedder. Die jungen Muslime akzeptierten problemlos, dass sie in einem katholischen Internat ihre neue Heimat gefunden hätten. „Die Tischgebete sind kein Problem“, sagt der katholische Priester. Zudem würden die jungen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und Afrika ihren Glauben unterschiedlich leben. Ein Beispiel sei das Fasten im Ramadan, berichtet Lütkevedder: „Einige legen Wert darauf, andere weniger“.