Wer bin ich? Wer will ich werden? - KED-Frühjahrsseminar am 01./02.04.2022

Die Coronazeit hat unseren Veranstaltungsrhythmus bekanntlich schon einige Male aus dem Takt gebracht. So fand unser „Herbstseminar“ dieses Jahr im April (01.-02.04.2022) statt. War es ursprünglich als Live-Veranstaltung in Berlin geplant, so wurde es dann doch aufgrund der hohen Fallzahlen in digitaler Form durchgeführt.


Im Vorfeld hatte sich unser KED-Vorstand intensiv mit der Themengebung auseinandergesetzt. Dieses Mal sollte der Fokus auf einen Bereich gesetzt werden, der alle Eltern bewegt, unabhängig davon, welche Schulform die Kinder besuchen. Die Schulbildung und der sich anschließende bzw. damit einhergehende Prozess der Berufsfindung ist ein sehr elementares Bedürfnis. Eltern wollen ihren Kindern verständlicherweise gute Ausgangsbedingungen und Chancen ermöglichen. Die Gefahr einer Verplanung, die Gefahr, das Kind zu sehr nach den Wunschvorstellungen der Eltern zu lenken, ist dabei groß. Die stetig steigende Zahl an Gymnasiasten, zugleich aber auch die hohe Zahl von Studienabbrechern sollte Eltern auch fragen lassen: Will mein Kind diesen Weg überhaupt einschlagen? Womit kann oder will sich mein Kind identifizieren?


So stand das Seminar unter dem Thema „Wer bin ich? Wer will ich werden?“. Als Referenten waren ein Forscher zur Arbeitswelt – Professor Dr. Axel Plünnecke, vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V., der sich mit den aktuellen Strömungen und Bedürfnissen des Arbeitsmarktes einerseits sowie den Ansprüchen an die jungen Auszubildenden und Berufseinsteigern befasst, zum anderen die Münsteraner Wirtschaftspsychologin Angela Buhne, die insbesondere die Persönlichkeitsmerkmale und -fähigkeiten analysiert und sie in den Kontext zur Aussagekraft von Zeugnissen stellt.


Nach der Begrüßung durch unsere Bundesvorsitzende Marie Theres Kastner wurde zur Einstimmung in den Themenbereich ein Mentimeter zur Frage „Was erwarten Schüler*innen von ihren Arbeitgebern?“ erstellt mit nachstehendem Ergebnis:

 

Anschließend verglich unser Vorstandsmitglied Magdalena Reusch die letzte Shell-Jugendstudie von 2019 mit der von 2015.

Die Shell-Studie ist eine Langzeitstudie und wird seit 1953 alle vier Jahre durchgeführt. Teilnehmer*innen in der Altersspanne von 12 bis 15 Jahren werden (eingeteilt in weitere Altersgruppen) befragt, unter welchen Bedingungen sie leben, wie sie ihre Zukunft sehen, was ihnen wichtig ist, was sie über Politik, über Familie und Religion, ihre Zukunftschancen und ihre beruflichen Möglichkeiten denken. Erst seit 2015 wird der Bereich des Arbeitslebens miteinbezogen mit Fragen zu Beruf und Karriere.

Die Befragung zu diesem Bereich war uns für unser Seminarthema besonders wichtig. Als Fazit der Studie hierzu ist nach der Priorisierungsfrage hervorzuheben:

Die Jugendlichen/jungen Erwachsenen streben an

  1. einen sicheren Arbeitsplatz (86 %),
  2. ausreichend Freizeit (69 %),
  3. ein hohes Einkommen (60 %),
  4. Sinnhaftigkeit bei der Ausübung einer beruflichen Tätigkeit (38 %),
  5. gute Aufstiegsmöglichkeiten.

Bei der Ausgestaltung der Berufstätigkeit sind folgende Aspekte bedeutsam:

  • Familienvereinbarkeit;
  • Flexibilität der Arbeitszeit (je nach Lebenssituation);
  • Teilzeitarbeit, wenn Familiennachwuchs kommt;
  • Nutzung von Home-Office-Möglichkeiten;
  • Akzeptanz von Wochenendarbeit bei Stundenausgleich innerhalb der Woche.

Diese Erkenntnisse aus der Shell-Studie finden bei Planungen im Wirtschaftsbereich auch Beachtung.

Für uns als Elternverband war ein weiteres Ergebnis der Shell-Studie höchst interessant: Das Engagement für die Gemeinschaft (das Einbringen in Ehrenämter) hat sich von 2015 zu 2019 stark reduziert.

 

Den Auftakt zum ersten Referat übernahm Professor Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft mit dem Thema:

 „Der gegenwärtige Arbeitsmarkt – Anspruch an junge Menschen“

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen sprach der Referent die für Eltern erfreuliche Botschaft aus: Es gibt mehr Arbeitsplätze als Bewerber, daher gebe es aus der Perspektive der Berufs- und Arbeitsfindung Anlass zu Gelassenheit.

Der Arbeitsmarkt selbst steht vor großen Herausforderungen, dazu nannte er die vier Ds:

  • Demographischer Wandel
  • Dekarbonisierung (Umstellung auf klimaverträglichere Ressourcen)
  • Deglobalisierung
  • Digitalisierung

Arbeitsplätze sind ausreichend da, haben sich in ihrem Anspruchsprofil jedoch stark verändert. Die Digitalisierung hat alle Arbeitsplätze – auch einfache – erfasst. Darauf sind junge Menschen im Wesentlichen gut eingestellt, für ältere Menschen bedeutet dies teilweise eine berufliche Hürde. Lebenslanges Lernen wird erwartet und ist auch ein notwendiges Erfordernis.

Für den Arbeitgeber ist wichtig,

  • dass die Bereitschaft zum Lernen vorhanden ist;
  • dass die Bereitschaft zu Veränderungen, zu Mobilität im Inland wie ins Ausland vorliegt;
  • dass bereits Kontakte zur Wirtschaft während des Studiums geknüpft werden;
  • dass die Stärkung der MINT-Fächer (auch als Grundlage für die Digitalisierung) vorgenommen wird.

Für die Wirtschaft wäre wichtig:

  • Die Stärkung dualer Studiengänge;
  • Die Aufwertung sozialer Berufe;
  • Ausbildungshilfen für junge Menschen und Betriebe.

Als Trends zu zukünftigen Bedarfen – Future Skills – nannte der Referent:

  • technologische Fähigkeiten;
  • digitale Grundfähigkeiten;
  • klassische Fähigkeiten (z.B. Problemlösungsfähigkeit, Eigeninitiative, Durchhaltevermögen …).

Auch die Coronazeit hat manche Schwächen im Arbeits-/Wirtschaftsleben offengelegt und bewirkt. Im Hinblick auf die Auszubildenden werden Defizite im Schulstoff befürchtet. Zugleich werden fehlende Berufspraktika und berufsorientierende Begleitmaßnahmen vermisst. Außerdem haben zukünftige junge Auszubildende persönlichkeitsformende soziale Kontakte durch die verstärkte Isolation als defizitär erfahren.

 

Für das Erwerbsleben der jungen Menschen wünscht sich der Referent von den Schulen Veränderungen in der Unterrichtsgestaltung und im Schulleben. Als Beispiele nannte er: mehr fächerübergreifendes Lernen, Projektunterricht, Stärkung der Eigenlernfähigkeit, Berufskontakte, Einblicke in die Arbeitswelt.

Da die Arbeitswelt auf die berufliche Tätigkeit von Frauen nicht mehr verzichten kann, setzt sie auf eine größere Offenheit bei der Berufswahl von Mädchen/Frauen. Außerdem findet die Elternperspektive auch viel stärker Beachtung in der Wirtschaft. Hier ist man sehr bemüht, familienfreundliche Arbeitsangebote zu unterbreiten. In der Sachverständigenkommission beim Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist auch unser Referent Mitglied und setzt sich hier für gute Bedingungen bei der Arbeitsplatzgestaltung von Eltern ein.

 

 

 

Zeugnis versus Persönlichkeit

Der zweite Vortrag des Seminars handelte von den Auswahlkriterien für einen Ausbildungsplatz. Unter dem Titel „Zeugnis versus Persönlichkeit“ referierte Angela Buhne, Wirtschaftspsychologin bei der agrartechnischen Bildungseinrichtung DEULA Westfalen-Lippe, und analysierte die Kriterien, die heutigen Bewerbungsverfahren und Anforderungsprofilen zugrunde liegen.

 

Zunächst unternahm die Referentin einen historischen Rückblick, der Metholden zur Messung und Erfassung der Persönlichkeit aufzeigte. Bereits in der Antike versuchte man, Persönlichkeitsmerkmale sowie damit verbunden auch Körpermerkmale in ein Raster einzuordnen, so dass mitunter Korrelationen evident wurden, die eine Typisierung von Persönlichkeiten zur Folge hatten. So gilt die Temperamentenlehre des Hippokrates‘ als älteste Persönlichkeitstypologie.

Über die Jahrhunderte hindurch haben sich auf diese Weise Theorien entwickelt, die überwiegend noch statischer Ausrichtung zuzuordnen sind, aber auch Theorien mit dynamischen Komponenten. Auf die Frage, ob der Mensch ein von Natur aus festgelegtes Wesen sei oder ob er Verhaltensweisen und Eigenschaften ändern könne, gilt in der heutigen Psychologie die These: Der Mensch bringt eine Reihe von Eigenschaften mit. Er ist bis ins hohe Alter aber noch lernfähig, kann sich Verhaltensweisen bewusst machen und bei Bedarf auch ändern.

 

Die Referentin, die ihren Vortrag sehr kurzweilig gestaltete und auch den Teilnehmerkreis aktiv in Tests einbezog, zeigte anhand anschaulich gestalteter Folien Einflussfaktoren und Merkmale auf die Persönlichkeitsentwicklung auf.

 

Gerade die Erkenntnis, dass der Mensch fähig ist, sich im Laufe seines Lebens noch weiterzuentwickeln, hat die Kriterien für Einstellungsverfahren in den letzten Jahren deutlich beeinflusst. War das Schulzeugnis lange Zeit das dominierende Merkmal bei Einstellungen, so zeigt sich inzwischen ein Umdenken. Für heutige Einstellungskriterien treffen folgende Faktoren zu:

  • Zeugnisse sind wichtig, um allgemeine Einordnungen für den Berufswunsch anzugeben. So wird der Mathematiknote oft eine besondere Bedeutung beigemessen.
  • Bei nicht erfolgreicher Bewerbung sind die Schulnoten mit einem Anteil von nur 25 Prozent daran beteiligt.
  • Die emotionale Intelligenz und die Persönlichkeit erweisen sich für den Arbeitgeber zunehmend als unverzichtbare, bedeutsame Einstellungskriterien.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat bei den Arbeitgebern aus weiteren Gründen ein Umdenken bei Bewerbungs- und Einstellungskriterien bewirkt. Gründe dafür sind:

  • Wandel der Berufsbilder – dazu zählt u.a., dass vieles erst am Arbeitsplatz erlernt werden kann;
  • der Fachkräftemangel;
  • verstärkte Forderungen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie nach verändertem Freizeitverhalten;
  • in absehbarer Zeit wird der Bereich der Zuwanderung eine große Rolle spielen;

Allen Erwartungen und Forderungen liegt der Umgang mit digitalen Techniken inzwischen als selbstverständlich zugrunde.

 

Vorschläge und Ergebnisse aus den Workshops

Hier wurden speziell an den Bereich „Schule“ vielfältige Vorschläge und neue Ideen herangetragen. Dabei werden Zeugnisse grundsätzlich als Bestandteil der Einordnung von Leistungen nicht in Frage gestellt.

  • „Schule“ sollte Talente der Schüler*innen möglichst früh erkennen und fördern.
  • „Schule“ sollte eine gesunde Balance zwischen Leistungsanforderungen und Kriterien der Lebensbewältigung (dazu zählt auch der Prozess der Berufsfindung) wahren. Eine vielseitige Förderung von Begabungen bleibt auch heute Aufgabe von „Schule“. Dazu sollte sich „Schule“ zur Intensivierung dieser Begabungsförderung auch externe Kräfte stundenweise heranziehen können (z.B. Chemiker aus der Industrie, Kunsthistoriker aus Museen …).
  • „Schule“ sollte mehr für die Berufswelt werben, neue Berufsfelder und daraus resultierende Jobs bekannt machen. Auch dafür kann sich Schule z.B. Hilfe holen.
  • „Schule“ sollte mehr projektorientiert und fächerübergreifend arbeiten. (Vorschlag: Praktische Einblicke könnten z.B. durch das Einschieben von „Sendung mit der Maus“-Reihen erfolgen).
  • Die Praktikumsangebote sollten vermehrt werden und vielfältiger gestaltet sein.
  • Der Vorschlag von „Schulpaten“ als weiteres Bindeglied zwischen Wirtschafts- und Arbeitswelt wurde genannt.
  • Es müsste - zumindest an Schulen mit langer Schulzeit (Gymnasium) - das Angebot bestehen, parallel zum Schulalltag eine berufliche Qualifikation zu erwerben, die mit der Intensivierung eines Schulfachs einhergeht (z.B. chem.-techn.Assistent:in, Fremdsprachenkorrespondent:in).
  • Alle Ausbildungsberufe sollten kostenlos sein – das ist eine wichtige Forderung aus der Elternperspektive.
  • Eltern sollen die von Professor Plünnecke genannte Gelassenheit bei der Berufswahl ihrer Kinder wahren.
  • In Bezug auf die Entscheidung Studium oder Ausbildung sollten mehr und erweiterte Angebote im Bereich „Duales Studium“ erfolgen.

Bei den Workshops zeigte sich, dass beide Vorträge sowie die Ergebnisse der Shell-Studie(n) für viel „Input“ bei den Teilnehmenden gesorgt hatten und so eine konstruktive Auseinandersetzung bewirkten.